Aurel und das Schmetterlingsmädchen

Für Traumhöhlenbauer und Rosengartenelfen

Taschenbuch, 300 Seiten, 6 Bilder

ISBN
978-3-7450-7664-6
Verlag
Eigenverlag (epubli)
Buchpreis
12,00 € (zzgl. Versand)
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Zusammenfassung

Aurel, ein hochsensibler 11-jähriger Junge, verbringt seine Zeit am liebsten in seiner grünen Höhle, einem geheimen vergessenen Wiesenstück. Dort hängt er seinen Träumen nach, beobachtet seine kleinen Insektenfreunde und erlebt den Zauber anderer Welten.
Als sein Vater beschließt, in der Stadt ein neues Leben zu beginnen, bricht für Aurel eine Welt zusammen. Doch er erfährt, dass er eine wichtige Aufgabe hat und lässt sich auf diese Bestimmung ein.
In der Stadt begegnet er Lisy, einem kleinen Mädchen, das am liebsten aus der sie überfordernden Welt ausbrechen und davonfliegen möchte. An der Seite ihres Bruders Peer und seiner großen Freundin Elisa, zieht Aurel in den Kampf. Er weiß um Lisys Berufung und setzt alles daran, die Kleine im Leben zu halten.
Eine tiefe Freundschaft beginnt und damit viele zauberhafte Stunden in einem geheimnisvollen Rosengarten.

Blick ins Buch

Die grüne Höhle

Es war ein warmer Frühsommertag und der Schulunterricht endlich vorüber. Aurel ließ sich zufrieden ins kühle Gras sinken. Die Halme kitzelten ihn sanft und erfrischend an seinen nackten Füßen. Wie gewöhnlich hatte er die Schuhe gleich hinter den Büschen abgestreift und war barfuß durch das satte Grün gesprungen. Ach, wie liebte er dieses Fleckchen Erde! Es war sein ganz persönlicher Ort, wo er einfach er selbst sein durfte und niemand etwas von ihm verlangte. Die „grüne Höhle“, wie er sein Versteck nannte, war ein vergessenes Grundstück, das verwildert und von verschiedenartigen Büschen zugewachsen, nicht weit hinter der Wohnsiedlung lag, in der Aurel mit seinem Vater lebte. Eine Menge bunter Wiesenblumen wuchsen wild zwischen hohem Gras, stellenweise unterbrochen von moosigen Fleckchen und Gänseblümcheninseln. Schon seit mehr als drei Jahren war dieser geheime Ort seine selbst erwählte Heimat geworden. Er hatte ihn entdeckt, kurz nachdem seine Mutter ihn verlassen hatte, um in der weiten Welt ihr Glück zu suchen. Nach einem besonders anstrengenden Schulvormittag war er damals einfach davongelaufen, getrieben von dem Bedürfnis, einen Ort zu finden, wo er verschwinden konnte und ausruhen durfte. Er war den Weg hinter der Siedlung entlanggegangen und hatte sich erstmals von den vertrauten Häusern und Straßen entfernt. Ein wirres Dickicht am Rande des großen Maisfeldes hatte plötzlich seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Neugierig war er näher getreten und hatte vorsichtig durch das dichte Gewirr von Ästen und Zweigen gelugt und nichts Schöneres als stilles Grün erblickt. Der kleine Aurel war der Hecke gefolgt, bis er einen Durchschlupf entdeckte, durch den er sich gerade eben hindurchzwängen konnte. Da war er an diese vergessene Wiese gekommen und hatte sich in ihr fallen lassen. Nun war sie sein Zuhause, seine stille grüne Höhle geworden, in die er sich tagtäglich verkroch.
Anfangs war es nicht so leicht gewesen sich davonzustehlen, da Aurel nach der Schule von Nelly, seinem Kindermädchen, betreut wurde. Doch schon bald hatte Nelly begriffen, dass der Junge am liebsten für sich war und sie nicht brauchte. Das Resultat war ein träges Kindermädchen, das am liebsten auf der Couch lag und Romane las und ein zufriedener Junge, der kommen und gehen konnte, wie es ihm beliebte. Dieses stille Arrangement war ihr Geheimnis, von dem Aurels Vater nichts ahnte.
Aurel legte sich auf den Rücken und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen den herrlich blauen Himmel über sich. Die warme Sommersonne ließ die Farben fast schmerzhaft leuchten und Aurel schloss die Augen und öffnete sich ganz der feinen Wahrnehmung, die seinen Ohren, seiner Haut und seinem Herzen eigen war. Er stieß einen wohligen Seufzer aus und lächelte zufrieden. Um sich herum vernahm er das Summen der Bienen und Hummeln, das Knispeln der Käfer und das leise rauschende Zittern der Halme. Der warme Wind streichelte sanft seine Haut und ließ seine Haare kitzelnd auf seiner Stirn tanzen. Tiefer Frieden umgab den Jungen. Das war die schönste Zeit des Tages; hier zu sein und allein zu sein. Er spürte, wie sich ein kleines Insekt auf seiner Hand niederließ und seinen bloßen Arm hinaufkrabbelte. Zarte kleine Füßchen berührten seine Haut, dann ein sanfter Absprung und das kleine Lebewesen erhob sich in die Lüfte. Aurel blinzelte unter seinen langen dunklen Wimpern hervor, um einen Blick auf seinen kleinen Gast zu erhaschen. Und richtig, wie er vermutet hatte, war es eine Ameise, eine große schöne Königin, die nun stolz die Lüfte erklomm und aus seinem Blickfeld entschwand.
Aurel kannte sie alle, diese winzig kleinen Wiesenbewohner. Er wusste wohl auch ihre wissenschaftlichen Namen, denn er hatte jedes neu entdeckte Lebewesen in seinem großen Insektenbuch nachgeschlagen. Doch er liebte es, ihnen eigene und ganz persönliche Namen zu geben. Stundenlang konnte er ihnen zuschauen und sich an ihrer emsigen Beweglichkeit erfreuen. Ein kleiner gelber Marienkäfer versuchte soeben einen Grashalm emporzuklettern. Aurel drehte sich vorsichtig auf die Seite, um das lustige Schauspiel besser verfolgen zu können. Es war immer wieder herrlich anzusehen, wie so ein kleiner runder Käfer den Halm hinauf wollte, der sich unter der schweren Last mal nach rechts und mal nach links bog und den kleinen Vielfüßler nicht selten wieder am Boden absetzte. So auch heute. Aurel lachte leise, als der kleine Kerl schließlich aufgab und den Rückweg antrat. Unwillig holperte er über das weiche Moos davon.
„Wolltest du die Welt mal von oben sehen?“, fragte der Junge und, bevor der Käfer im hohen Gras verschwand, streckte er seinen Finger aus und ließ den kleinen Burschen hinaufklettern. Behutsam hob er seinen Finger in die Höhe. „Siehst du? Das ist der Himmel. Das ist deine Freiheit, kleiner Freund! Wenn du mehr davon sehen möchtest, dann öffne deine Flügel und fliege los! Fliege davon und sei frei!“ Und tatsächlich ruckelte das Käferchen seine Flügel zurecht, breitete sie aus und erhob sich freudig taumelnd in die Luft.
„Na siehst du, du kannst es! Du kannst krabbeln und fliegen, kleiner Purzelfreund!“
Aurel blickte ihm nach und seufzte sehnsuchtsvoll: „Du kannst fliegen, wohin du willst! Ach, wie gerne würde ich mit dir tauschen…“
Aurel versank in tiefes Sinnen. Ja, wenn er Flügel hätte, wohin würde er dann wohl fliegen? Vielleicht in den warmen Süden zu seiner Mutter? Nein, eher nicht. Natürlich vermisste er sie, doch die Wunde ihres Fortgehens schmerzte noch zu sehr und außerdem fühlte er sich für ihr Handeln verantwortlich. Tagtäglich hatte sie von ihm Dinge erwartet, die er nicht erfüllen konnte. Auch jetzt noch spürte er fast körperlich ihr hartnäckiges Zerren. Nein, er würde woanders hinfliegen. Er würde das Wolkenland besuchen! Schon als ganz kleines Kind hatte Aurel sich vorgestellt, dass hinter den großen weißen Wolken ein wunderbares stilles Land liegen müsse, ein Land voller Frieden und Ruhe. Dort wollte er sein und eingehüllt in den Farben der aufgehenden Sonne auf weichen Wolkenwiesen träumen.
„Fast so wie hier“, dachte der Junge. „Nur würde ich mich da nicht verstecken müssen und könnte immer bleiben, denn dort gäbe es weder eine laute Schule, noch einen grauen, graslosen Winter. Und ich fände einen Freund, der mich versteht…“
Traurigkeit umhüllte für einen Augenblick sein zartes Gesicht. Einen Freund zu haben, wäre wirklich schön. Aurel dachte an die Kinder in seiner Schule. Mit einigen hatte er versucht, eine Freundschaft aufzubauen und sie hatten sich auch bemüht, ihn in ihre Welt mit einzubeziehen. Als er noch kleiner war, hatte seine Mutter ihn im Sportverein und im Fußballverein angemeldet, doch immer zog er sich nach kurzer Zeit zurück und war ein stiller Betrachter geworden, so dass sie ihn seufzend wieder abmeldete. Die Kinder akzeptierten ihn schließlich als den scheuen Schulkameraden. Es war nicht so, dass sie ihm gegenüber feindselig waren oder ihn auslachten; dazu war Aurel zu freundlich. Sie überließen ihn einfach sich selbst, beachteten ihn kaum noch und protestierten nur dann, wenn er im Sportunterricht ihrer Mannschaft zugeordnet wurde. Und auch das konnte Aurel verstehen, denn er fürchtete alle Art von Ballspielen und Wettkämpfen und versteckte sich lieber hinter seinen Mitspielern, als dem Ball nachzujagen.
Aurel wünschte sich einen Freund, der ihn verstand. Der mit ihm in dieser grünen Höhle läge und sich an all dem kleinen Wunderbaren erfreuen würde, das sie umgab. Mit seinen besonderen Augen konnte Aurel selbst winzig kleine Lebewesen erkennen und seine sehr feinen Ohren hörten mehr als andere. Bisweilen nahm er regenbogenfarbene Schleier wahr, die über die Wiese zogen und er ahnte, dass es Wesen aus anderen Welten waren, die dort ihren Reigen tanzten. Oder er hörte, wenn ein kleines Tierchen in Not war und machte sich auf die Suche nach dem leisen Weinen, um schließlich einen Käfer aus einer Regenpfütze zu retten oder eine Biene aus einem Spinnennetz. Manchmal entdeckte er auch Spuren von unterirdischen Wesen und träumte sich dann in ihre Reiche unter der Erde. Wie gerne würde er dieses Erleben mit einem Freund teilen!

Aurel