Es war ein warmer Frühsommertag und der Schulunterricht endlich vorüber. Aurel ließ sich
zufrieden ins kühle Gras sinken. Die Halme kitzelten ihn sanft und erfrischend an seinen nackten
Füßen.
Wie
gewöhnlich hatte er die Schuhe gleich hinter den Büschen abgestreift und war barfuß durch das
satte
Grün gesprungen. Ach, wie liebte er dieses Fleckchen Erde! Es war sein ganz persönlicher Ort, wo
er
einfach er selbst sein durfte und niemand etwas von ihm verlangte. Die „grüne Höhle“, wie er
sein
Versteck nannte, war ein vergessenes Grundstück, das verwildert und von verschiedenartigen
Büschen
zugewachsen, nicht weit hinter der Wohnsiedlung lag, in der Aurel mit seinem Vater lebte. Eine
Menge
bunter Wiesenblumen wuchsen wild zwischen hohem Gras, stellenweise unterbrochen von moosigen
Fleckchen und Gänseblümcheninseln. Schon seit mehr als drei Jahren war dieser geheime Ort seine
selbst erwählte Heimat geworden. Er hatte ihn entdeckt, kurz nachdem seine Mutter ihn verlassen
hatte, um in der weiten Welt ihr Glück zu suchen. Nach einem besonders anstrengenden
Schulvormittag
war er damals einfach davongelaufen, getrieben von dem Bedürfnis, einen Ort zu finden, wo er
verschwinden konnte und ausruhen durfte. Er war den Weg hinter der Siedlung entlanggegangen und
hatte sich erstmals von den vertrauten Häusern und Straßen entfernt. Ein wirres Dickicht am
Rande
des großen Maisfeldes hatte plötzlich seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Neugierig war er
näher
getreten und hatte vorsichtig durch das dichte Gewirr von Ästen und Zweigen gelugt und nichts
Schöneres als stilles Grün erblickt. Der kleine Aurel war der Hecke gefolgt, bis er einen
Durchschlupf entdeckte, durch den er sich gerade eben hindurchzwängen konnte. Da war er an diese
vergessene Wiese gekommen und hatte sich in ihr fallen lassen. Nun war sie sein Zuhause, seine
stille grüne Höhle geworden, in die er sich tagtäglich verkroch.
Anfangs war es nicht so leicht gewesen sich davonzustehlen, da Aurel nach der Schule von Nelly,
seinem Kindermädchen, betreut wurde. Doch schon bald hatte Nelly begriffen, dass der Junge am
liebsten für sich war und sie nicht brauchte. Das Resultat war ein träges Kindermädchen, das am
liebsten auf der Couch lag und Romane las und ein zufriedener Junge, der kommen und gehen
konnte,
wie es ihm beliebte. Dieses stille Arrangement war ihr Geheimnis, von dem Aurels Vater nichts
ahnte.
Aurel legte sich auf den Rücken und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen den herrlich
blauen
Himmel über sich. Die warme Sommersonne ließ die Farben fast schmerzhaft leuchten und Aurel
schloss
die Augen und öffnete sich ganz der feinen Wahrnehmung, die seinen Ohren, seiner Haut und seinem
Herzen eigen war. Er stieß einen wohligen Seufzer aus und lächelte zufrieden. Um sich herum
vernahm
er das Summen der Bienen und Hummeln, das Knispeln der Käfer und das leise rauschende Zittern
der
Halme. Der warme Wind streichelte sanft seine Haut und ließ seine Haare kitzelnd auf seiner
Stirn
tanzen. Tiefer Frieden umgab den Jungen. Das war die schönste Zeit des Tages; hier zu sein und
allein zu sein. Er spürte, wie sich ein kleines Insekt auf seiner Hand niederließ und seinen
bloßen
Arm hinaufkrabbelte. Zarte kleine Füßchen berührten seine Haut, dann ein sanfter Absprung und
das
kleine Lebewesen erhob sich in die Lüfte. Aurel blinzelte unter seinen langen dunklen Wimpern
hervor, um einen Blick auf seinen kleinen Gast zu erhaschen. Und richtig, wie er vermutet hatte,
war
es eine Ameise, eine große schöne Königin, die nun stolz die Lüfte erklomm und aus seinem
Blickfeld
entschwand.
Aurel kannte sie alle, diese winzig kleinen Wiesenbewohner. Er wusste wohl auch ihre
wissenschaftlichen Namen, denn er hatte jedes neu entdeckte Lebewesen in seinem großen
Insektenbuch
nachgeschlagen. Doch er liebte es, ihnen eigene und ganz persönliche Namen zu geben. Stundenlang
konnte er ihnen zuschauen und sich an ihrer emsigen Beweglichkeit erfreuen. Ein kleiner gelber
Marienkäfer versuchte soeben einen Grashalm emporzuklettern. Aurel drehte sich vorsichtig auf
die
Seite, um das lustige Schauspiel besser verfolgen zu können. Es war immer wieder herrlich
anzusehen,
wie so ein kleiner runder Käfer den Halm hinauf wollte, der sich unter der schweren Last mal
nach
rechts und mal nach links bog und den kleinen Vielfüßler nicht selten wieder am Boden absetzte.
So
auch heute. Aurel lachte leise, als der kleine Kerl schließlich aufgab und den Rückweg antrat.
Unwillig holperte er über das weiche Moos davon.
„Wolltest du die Welt mal von oben sehen?“, fragte der Junge und, bevor der Käfer im hohen Gras
verschwand, streckte er seinen Finger aus und ließ den kleinen Burschen hinaufklettern. Behutsam
hob
er seinen Finger in die Höhe. „Siehst du? Das ist der Himmel. Das ist deine Freiheit, kleiner
Freund! Wenn du mehr davon sehen möchtest, dann öffne deine Flügel und fliege los! Fliege davon
und
sei frei!“ Und tatsächlich ruckelte das Käferchen seine Flügel zurecht, breitete sie aus und
erhob
sich freudig taumelnd in die Luft.
„Na siehst du, du kannst es! Du kannst krabbeln und fliegen, kleiner Purzelfreund!“
Aurel blickte ihm nach und seufzte sehnsuchtsvoll: „Du kannst fliegen, wohin du willst! Ach, wie
gerne würde ich mit dir tauschen…“
Aurel versank in tiefes Sinnen. Ja, wenn er Flügel hätte, wohin würde er dann wohl fliegen?
Vielleicht in den warmen Süden zu seiner Mutter? Nein, eher nicht. Natürlich vermisste er sie,
doch
die Wunde ihres Fortgehens schmerzte noch zu sehr und außerdem fühlte er sich für ihr Handeln
verantwortlich. Tagtäglich hatte sie von ihm Dinge erwartet, die er nicht erfüllen konnte. Auch
jetzt noch spürte er fast körperlich ihr hartnäckiges Zerren. Nein, er würde woanders
hinfliegen. Er
würde das Wolkenland besuchen! Schon als ganz kleines Kind hatte Aurel sich vorgestellt, dass
hinter
den großen weißen Wolken ein wunderbares stilles Land liegen müsse, ein Land voller Frieden und
Ruhe. Dort wollte er sein und eingehüllt in den Farben der aufgehenden Sonne auf weichen
Wolkenwiesen träumen.
„Fast so wie hier“, dachte der Junge. „Nur würde ich mich da nicht verstecken müssen und könnte
immer bleiben, denn dort gäbe es weder eine laute Schule, noch einen grauen, graslosen Winter.
Und
ich fände einen Freund, der mich versteht…“
Traurigkeit umhüllte für einen Augenblick sein zartes Gesicht. Einen Freund zu haben, wäre
wirklich
schön. Aurel dachte an die Kinder in seiner Schule. Mit einigen hatte er versucht, eine
Freundschaft
aufzubauen und sie hatten sich auch bemüht, ihn in ihre Welt mit einzubeziehen. Als er noch
kleiner
war, hatte seine Mutter ihn im Sportverein und im Fußballverein angemeldet, doch immer zog er
sich
nach kurzer Zeit zurück und war ein stiller Betrachter geworden, so dass sie ihn seufzend wieder
abmeldete. Die Kinder akzeptierten ihn schließlich als den scheuen Schulkameraden. Es war nicht
so,
dass sie ihm gegenüber feindselig waren oder ihn auslachten; dazu war Aurel zu freundlich. Sie
überließen ihn einfach sich selbst, beachteten ihn kaum noch und protestierten nur dann, wenn er
im
Sportunterricht ihrer Mannschaft zugeordnet wurde. Und auch das konnte Aurel verstehen, denn er
fürchtete alle Art von Ballspielen und Wettkämpfen und versteckte sich lieber hinter seinen
Mitspielern, als dem Ball nachzujagen.
Aurel wünschte sich einen Freund, der ihn verstand. Der mit ihm in dieser grünen Höhle läge und
sich
an all dem kleinen Wunderbaren erfreuen würde, das sie umgab. Mit seinen besonderen Augen konnte
Aurel selbst winzig kleine Lebewesen erkennen und seine sehr feinen Ohren hörten mehr als
andere.
Bisweilen nahm er regenbogenfarbene Schleier wahr, die über die Wiese zogen und er ahnte, dass
es
Wesen aus anderen Welten waren, die dort ihren Reigen tanzten. Oder er hörte, wenn ein kleines
Tierchen in Not war und machte sich auf die Suche nach dem leisen Weinen, um schließlich einen
Käfer
aus einer Regenpfütze zu retten oder eine Biene aus einem Spinnennetz. Manchmal entdeckte er
auch
Spuren von unterirdischen Wesen und träumte sich dann in ihre Reiche unter der Erde. Wie gerne
würde
er dieses Erleben mit einem Freund teilen!