Es war einmal eine Rose, die stand neben einer Bank inmitten blühender
Wiesen. Nur ein kleiner Weg führte an ihr vorbei, der zwei Ortschaften miteinander verband. Wie
sie einst dorthin gelangte bleibt uns ein Rätsel.
Sie war von zauberhaft anmutiger Gestalt, ihre
Blüten leuchteten magentafarben, die jungen Knospen noch rosig und verströmte einen sanften
betörenden Duft in den warmen Sommerwind.
Schon viele Menschen hatten sich an ihr erfreut, wenn
sie Ruhe suchend neben ihr auf der Bank Platz nahmen. Schon manche verliebte junge Hand berührte
die Schöne und ließ sich eine Blüte für seine Liebste neben sich schenken. Alte, vom Leben
erzählende Hände strichen nur sanft über die zarten vollen Blüten und nahmen bloß einen Hauch
Duft mit sich während lächelnde Augen auf ihr ruhten. Die Rose teilte gerne ihre Pracht und
genoss die Freude der Menschen.
Am Schönsten aber war für sie die Nähe eines kleinen Mädchens,
das sich Abend für Abend auf der Bank niederließ, mit seelenvollen Augen die Rose betrachtete,
sie mit warmen Blick streichelte und zu ihr sprach. Es blieb stets eine Weile dort sitzen,
erzählte von seinen Erlebnissen, vor allem aber von seinen Träumen und Hoffnungen. Zum Abschied
küsste es jedes Mal sanft die größte Blüte seiner schönen "Elfenblume", wie es die Rose nannte.
Ja - und es war tatsächlich eine Elfenblume, denn eines Tages, mit den ersten warmen
Frühlingssonnenstrahlen, war eine kleine Elfe in eine sich öffnende Knospe der Rose eingezogen.
Mittlerweile war aus dem kuscheligen Plätzchen ein wahrer Blütenpalast geworden, in dem die
kleine Elfe in süßem Duft lebte. Sie war ebenso gekleidet wie ihre Auserwählte und für das
menschliche Auge unsichtbar, was jedoch vor allem daran liegen mag, das wir selten tiefer
schauen als nötig.
So sah die kleine Elfe die Menschen kommen und gehen, ohne dass sie selbst
wahrgenommen wurde.
Manchmal hatte sie jedoch den Eindruck, dass das Mädchen einen Augenblick
ihres Daseins erahnte, denn es hielt gelegentlich im Sprechen inne, legte seinen Kopf lauschend
zur Seite und betrachtete wie träumend die Blüte, auf der die Elfe, fröhlich mit den Beinen
baumelnd, saß. Dann winkte sie dem Kinde übermütig zu - doch, wie erwachend, lief ein Beben
durch den Körper des kleinen Mädchens und es kehrte zurück in seine Welt. Verwundert lächelte
es, schloss sinnend die Augen und küsste dann seinen Abschiedsgruß.
Nachdenklich und zugleich
leise kichernd blieb die Elfe sitzen. Es war ihr jedes Mal ein Vergnügen, ein wenig von dem
zarten Kuss des Kindes zu erhaschen.
Sie hieß Mirali und war ein bezauberndes Elfenmädchen. Sie
war voller Fröhlichkeit und überschäumender, sprudelnder Lebendigkeit und freundlich zu jedem
Lebewesen, das sie in ihrem Palast besuchte. Viele Schmetterlinge ließen sich bei ihr nieder,
die sich bei einem süßen Mundvoll Blütennektar von ihr erzählen ließen, was sie gesehen und
erlebt hatte. Dabei strich Mirali ihnen zärtlich über die schillernden Flügel. Die frisch
geschlüpften Falter stärkte sie mit kraftvollen Strichen, trocknete taubestäubte Gewänder und
befreite auch den ein oder anderen von lästig klebenden Spinnenfäden. Sie flog mit ihnen zu
anderen Blüten, besuchte Elfen und Feen, auch mal die kleinen Wichte am nahegelegenen Baumstumpf
und verspürte nie auch nur einen Hauch von Langeweile oder gar Schwermut.
Ach, war das Leben
herrlich! Und ach, hätte es nicht ewig so bleiben können?